Amsterdam 3 mei 2003

Rede von Suzanne Dechert, Melkweg Galerie Amsterdam, Zur Eröffnung der Einzelausstellung in der Galerie serieuze zaken von Rob Malasch, Amsterdam

Gestern – am 2. Mai – war es auf den Tag genau 10 Jahre her, dass Werke von Judith Samen in Amsterdam zu sehen waren. Es handelte sich um drei Fotos aus der Serie, mit der sie zuvor den Deutschen Jugendkunstpreis gewonnen hatte.


Sechs Jahre später hatte sie eine große Einzelausstellung in der Melkweg Galerie im Rahmen eines Austauschprojekts zwischen Amsterdam und NRW. Sie fand große Beachtung bei Publikum und Presse, und damals sah Rob ihre Arbeiten zum ersten Mal – und war sofort begeistert.


Judiths grenzenlose Vorstellungskraft manifestiert sich in ihrem Werk, in dem sie immer wieder Verletzlichkeit und Humor miteinander verbindet. Sie thematisiert Vergänglichkeit und das bewusste Erleben von Zeit. Ihre Bildsprache ist poetisch und konzentriert sich auf kleine Dinge und die Einfachheit des Alltags.  Auffällig dabei ist, dass sie seit Beginn ihrer Karriere den Menschen ständig in eine außergewöhnliche Beziehung zum Essen stellt – oder besser gesagt zum Essbaren wie Gemüse – vor allem Kartoffeln –, Fleisch und Brot, wobei das Alltägliche bis ins Absurde vergrößert wird – ohne dass der Zusammenhang eindeutig ist, was den Betrachter irritiert.

  

Judiths Arbeit ist manchmal bizarr und frech, grotesk und meist in knalligen Farben gehalten. Und doch gibt es auch viele stille und warme Fotos, die an Gemälde holländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert erinnern.

Aber niemals macht sie sich der Schönheitsfotografie schuldig oder der Zurschaustellung des idealen nackten Körpers, des Luxus oder des Glamours. Ihre Arbeit zeigt das Wechselspiel zwischen sachlicher Distanziertheit und lyrischem Ausdruck die auf den Betrachter befremdlich wirkt. Es scheint unbeabsichtigt – und doch ist jedes Detail – sei es die Form, die Farbe, die Körperhaltung oder ein Requisit – genau kalkuliert und bis ins kleinste Detail durchdacht.

Bevor Judith eine Szene aufbaut und sich selbst – oder ihre Kinder, Freunde oder Familie – darin platziert, hat sie das Bild im Voraus  sorgfältig durchdacht, konzipiert und inszeniert, gezeichnet und auch gemalt. Nichts ist dem Zufall des Augenblicks überlassen – ihre Bilder wirken wie eingefrorene Momente.

Oft platziert sie sich selbst oder ihre Modelle hinter einem Tisch, der so zum natürlichen Bildrand wird und Distanz zwischen Betrachter und Bild schafft.


Ich bin Judith dankbar, dass sie ihre Fotos nicht mit Titeln versieht. Das gibt mir die Möglichkeit, Assoziationen zu bilden und mir selbst eine Geschichte und einen Titel auszudenken. Ihre Fotos laden dazu ein, und ich nutze diese Möglichkeit dankbar. Manchmal gibt es Farbbezeichnungen – wir sprechen dann vom roten, vom blauen oder vom weißen Foto – oder es sind Namen aus Märchen oder der Bibel J U D I T H   !! oder es sind Berufe, wie  die Näherin, der Bäcker – die Sängerin – die Amme  usw. Und auch das ist kein Zufall!


Im Rahmen ihres Studiums, u. a. der Kunstgeschichte, hat sie sich vor allem mit der flämisch-niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts beschäftigt. Licht, Farbe und Posen aus diesem Genre sind daher oft in ihren Fotos zu erkennen. Ihre Fans sprechen daher auch von ihrem "Vermeer" und ihrem "Rembrandt" usw.

Sie studierte an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie auch zur "Meisterschülerin" ernannt wurde. Ständig sind irgendwo in Deutschland oder Belgien in Museen oder Kunstinstitutionen Ausstellungen und Installationen von ihr zu sehen, und ihre Werke befinden sich in großen öffentlichen sowie privaten Sammlungen. Sie gewann zahlreiche Preise und Stipendien.


Neben ihrer Vorliebe für die niederländische Malerei ist sie auch bedingungslos verliebt in dieses Land, die Holländer, Amsterdam und die niederländische Sprache.  Sie versteht perfekt und spricht recht gut Niederländisch, und das schon, seit ich sie kenne.

Sie war 20, als ich sie zum ersten Mal traf. Ich habe miterlebt, wie sie zur Frau und zur Mutter und noch einmal zur Mutter wurde. Ich habe sie in Zeiten erlebt, in denen es keine Zeit gab – nur hartes Schuften und Entbehrungen.

Aber nie habe ich erlebt, dass es in ihrer künstlerischen Entwicklung und Vision sowie in ihrem Drang und ihrer Begeisterung, etwas zu schaffen, zu einer Stagnation gekommen wäre.


Ihre Arbeit ist unvergleichlich – und unersetzlich. Deshalb passt ihre Arbeit auch nicht in eine bestimmte Strömung oder ein bestimmtes Genre der Fotografie – eher in die Malerei. Sie lässt sich mit keinem anderen Fotografen vergleichen – weder vor noch während noch nach ihr. Ihre Arbeit ist einzigartig und vor allem authentisch. Sie verabscheut es, zu gefallen. Sie verkauft keine Illusionen.

Ihre Assoziationen sind unendlich und ihre Darstellung vollkommen

Sie muss es tun – sie kann nicht anders.