Judith Samen – come closer

Dr. Stephan Mann für den Ausstellungskatalog come closer – Niederrheinischer Kunstverein, 2019


Bei dem Blick auf die Fotografien von Judith Samen schweifen die Gedanken ab zu vertrauten Bildern aus fernen Zeiten. Ich schaue auf zwei Gemälde aus dem Frankfurter Städel Museum, deren Motive sich seit frühester Jugend in mein visuelles Gedächtnis eingebrannt haben.


Das erste ist ein eher kleines, gleichsam umso kostbareres Gemälde von Hans Holbein d.J.. Es zeigt das Portrait des jungen englischen Adligen Simon Georges of Cornwall im strengen Profil. Zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand hält er eine rote Nelke. Am Barett erkennt man eine Brosche mit dem Motiv des antiken Mythos der Leda mit dem Schwan.


Beim zweiten Gemälde, eine ebenso kleine wie überaus kostbare Malerei, handelt es sich um das sog. Paradiesgärtlein entstanden um 1410/1420 am Oberrhein. In einer schier unglaublichen Miniaturmalerei schildert der unbekannte Maler einen mit Blumen und Tieren übersäten Garten im Motiv des hortus conclusus.


Beiden Bildern, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ist eines gemeinsam. Es ist die Bedeutung der Blumen, die hier mehr sind als die reine naturalistische Darstellung der Welt. Beide Maler wissen um die tiefe symbolische Bedeutung ihrer Motive, die sich in einer langen Bildtradition in der westlichen Malerei als Ikonographie herausgebildet hat. Die Nelke als Symbol und Zeichen für die Treue etwa, oder das Maiglöckchen zu Füßen der Maria im Paradiesgärtlein als Symbol der Demut. Insbesondere das oberrheinische Paradiesbild ist gefüllt mit symbolischen Anspielungen. Die enge Verschmelzung von Bildmotiv und Theologie macht das Gemälde zu einer gemalten Predigt. Die Natur war nicht Selbstzweck eines Meisters, sondern sie diente der theologischen Aussage und Verkündigung. Eine mehr oder weniger strenge Ikonographie machte die Bildwerke lesbar und öffnete den Künstlern ein Fenster in die Wirklichkeit.


Die Lesbarkeit der Malerei ließ in einem solchen motivischen Gerüst kaum Deutungsspielräume. Die Heiligen konnten trotz anonymer Bildnisse zugeordnet werden, und Eigenschaften der biblischen Figuren wurden lesbar. Hinzu kam einer strenger Farbkanon, der die Maler fesselte und dem Publikum vertraut war.

In der Ausstellung "Come closer" mit Werken von Judith Samen begegnen wir großformatigen Fotografien, deren Motive an spätmittelalterliche Malerei erinnern mögen. Da sitzt ein kleiner Junge, nur mit einer weißen Unterhose bekleidet auf einem thronartigen, rot drapierten Stuhl. Er blickt direkt in die Kamera. Mit seinen Händen hält er in seinem Schoß eine kleine Blumenvase mit einem Maiglöckchen.

Folgt man nun der spätmittelalterlichen Ikonographie um der Bedeutung des Bildes auf die Spur zu kommen, so wird man hier zweifellos in die Irre geführt. Da uns die Künstlerin auch mit einem Bildtitel nicht weiterhilft, bleibt der Betrachter gänzlich auf sich allein gestellt.


Die Fotografien von Judith Samen spielen mit der Imagination des Betrachters. Sie entlässt ihre Bildmotive in einen Deutungsraum, der allein vom Betrachter selbst gefüllt werden kann. Ihm allein obliegt es, sich dem Bild zu nähern, in einen Dialog einzutreten und sich einzulassen auf die unendlichen Gedankenspuren, die sich auftun. Bei Judith Samen wird die Ikonographie zu einem Spiel. Das vermeintlich Eindeutige wird in die Freiheit des Denkens und der Vieldeutigkeit entlassen.


Anders als bei dem Maler Max Beckmann, der in seiner Malerei und für seine Bildkompositionen eine eigene, zutiefst persönliche Ikonographie entwickelte und sie immer wieder in den eigenen Werken deutungsvoll zitiert, verzichtet Judith Samen auf eine solche biographische Geschichte. So sind ihre Bildmotive dem Surrealismus näher. Sie sind aus der Alltagswelt genommen, sie scheinen bedeutungsvoll, bleiben aber völlig sich selbst überlassen. Das reicht von wunderschönen Stickereien, fein drapierten Stoffen und Kleidern bis hin zu komponierten, allen Schönheitsidealen und gesellschaftlichen Regeln zum Trotz agierenden Kindern, Frauen oder Männern. Sie treibt die Absurdität bisweilen auf die Spitze und hinterlässt beim Betrachter große Unsicherheit und den Wunsch nach Aufklärung. Dieser alles aufklärenden Geschichte aber entzieht sich die Künstlerin. Judith Samen entlässt den Betrachter ihrer Bilder in eine Freiheit, die zweifellos anstrengend sein kann. Sie fordert heraus, und der intensive Dialog mit den Bildmotiven zwingt uns einen Standpunkt ab, verlangt nach einer Meinung. Damit verweist Judith Samen auch auf das, was Kunst heute ist oder sein kann. Nach einem langen Weg der Emanzipation aus gesellschaftlichen, theologischen oder politischen Verflechtungen schenkt uns die Kunst unserer Zeit einen Raum der Freiheit. Sie entfaltet einen Resonanzraum, den wir allein in der Lage sind zum Schwingen zu bringen. Der Dialog mit dem Kunstwerk kann etwas Besonderes sein, weil er den Betrachter einlädt, über das Werk hinaus zu sich selbst zurück zu kommen. "Come closer" ist somit der Wunsch der Künstlerin in dieser Schau. Ob wir die Einladung aber annehmen, ob wir uns den Realitäten von Judith Samen wirklich nähern und uns ihnen aussetzen möchten, bleibt unsere freie Entscheidung. Es ist somit einmal mehr ein Plädoyer für die Freiheit des Künstlers, aber darüber hinaus auch für die Freiheit des Betrachters, jenseits von all den vorgefertigten Meinungen und Klugheiten, mit der die Kunst in unseren digitalen Zeiten überfrachtet wird.


Stephan Mann