Judith Samen
Fotografische Portraits entwickeln ihre Spannung aus der Bild-Präsenz des Modells als Individuum und seiner Verortung in zeitgenössischen Sozialgefügen. Die Grenzen dieser beiden Referenzsysteme widersetzen sich allerdings vorschnellen Versuchen, sie dingfest zu machen. Denn ihre Kriterien und Zugänge gründen im subjektiven Erfahrungsschatz des Betrachters und sind schwer objektivierbar. Judith Samen zielt in ihren Fotografien auf deren Reflexion und auf die Frage nach ihrer Wirksamkeit im offenen Prozess von Orientierungen und Wertungen, welche die Begegnung mit Bildern von Menschen lenken.
Die Künstlerin platziert ihre Modelle vor farbigen, bildparallelen Gründen in einem bühnenartigen Raum, den diese mit ihrer eindringlichen physischen Präsenz nicht nur ausfüllen, sondern selbst erst kreieren. Sparsam eingesetzte Küchenrequisiten und Lebensmittel übernehmen klassische kompositorische Funktionen. Gesten und Haltungen der Figuren scheinen ebenso wie ihre archaisch anmutende Körperlichkeit in überlieferten Bildvorstellungen zu wurzeln und geben sich doch als aktuelle Inszenierungen im Künstleratelier zu erkennen. So entsteht ein komplexes Geflecht von Bezügen aus kollektiven Bilderinnerungen und alltagsweltlichen Erfahrungen, an dessen Schnittstellen Zeitenthobenheit und absolute Gegenwärtigkeit der abgelichteten Personen zusammenfallen. Der in Judith Samens Arbeiten angestoßene ästhetische Diskurs zum Phänomen Zeit und Zeitlichkeit gewinnt damit über seine Ansiedlung zwischen Dauer und Augenblick hinaus eine weitere Dimension. Er stellt die Frage nach dem Verhältnis von Malerei und Fotografie auf einer Motive und Farbigkeit integrierenden und übergreifenden konzeptuellen Ebene.
Wenn im Bild der nackten Schwangeren sich zwischen ihrem mächtigen Körper und dem kardinalroten Bildraum ein Dialog über unterschiedliche Qualitäten des Majestätischen entfaltet, dann erscheint dieser gleichermaßen absurd wie auf einer unmittelbaren, kreatürlichen Ebene plausibel. Dabei wird der offensichtlich inszenierte Gemütszustand melancholischer Versenkung und Entrücktheit der Figur unterwandert von einer guten Portion Witz und Selbstironie, ohne das von ihr eingebrachte persönlich-intime Moment aufzuheben oder der Lächerlichkeit preiszugeben. In der eigenwilligen Mischung aus Ernsthaftigkeit und ironischer Distanz, mit der die Dargestellten den Regieanweisungen der Künstlerin folgen, verschwimmen sicher geglaubte Grenzen wie die zwischen dem Sublimen und dem Banalen. Die Künstlerin selbst als Schwangere trägt ihre Rapunzelperücke aus Klempnerhanf mit der gleichen Würde wie andere Modelle ihre gemusterten Kittelschürzen, geblümten Nachthemden, Wollunterhosen oder Brothüte. Auf diese Weise überantwortet Judith Samen die Differenz von vermeintlich Authentischem und Inszeniertem der Wirkungsmacht des einprägsamen Bildes, dessen präzise Setzungen Dokumentarisches und Fiktionales untrennbar miteinander verweben.
In den jüngsten Arbeiten von 2002 erweitern szenische Aspekte die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Zeitebenen. Statt des vollständigen Bildnisses zeigen die Fotos nur noch Körperausschnitte der Personen. Einerseits entzieht sich der Dargestellte damit dem vereinnahmenden Betrachterblick, andererseits rückt die Kamera näher an ihn heran und integriert ein Moment potentieller Bewegung in die Zuständlichkeit der Bilder. Vom Gesicht des jungen Mannes im weißen 70er Jahre Mantel sind nur Mund und Kinn zu sehen. Das Zentrum des Bildes liegt in Höhe des Kameraauges bei seinen leicht vorgestreckten Händen. In jeder Hand hält er – zugleich bergend und zeigend – eine küchenfertig gerupfte Wachtel, so als hätte er seine eigene kreatürliche Nacktheit auf diese beiden bedauernswerten Wesen übertragen, wohingegen der hermetisch mit diagonalen Zips geschlossene Mantel seinen Körper zu absorbieren und an den flächigen weißen Bildgrund zu binden scheint. In dieser Konstellation bekommen die Hände etwas Bedrängendes, Lockendes – allerdings weniger im Sinne einer filmisch motivierten Handlung als im Sinne einer offenen Geste im Innehalten der Figur. Das narrative Moment in den neuen Fotografien suggeriert eine rätselhafte Bedeutsamkeit, die zu entschlüsseln sich der Betrachter anschickt, während unter seinen Augen das Alltägliche und das Außerordentliche unversehens zu einem Bild fusionieren, das sich im Gedächtnis einnistet.
Gudrun Bott, Schloss Ringenberg, 2002