gewesen sein werden
Bild und Zeit in den Arbeiten von Judith Samen
Jörg van den Berg, 2010 für den Katalog EATING THE UNIVERSE
Sicht (eins). Hunderte von Reibekuchen hängen an der Wand; an die Wand genagelt. Davor ein kleiner alter Holztisch, auf dem Tisch eine Doppelkochplatte, auf der einen Platte eine Pfanne. Dazu (vermutlich) Fettgeruch. Kein Koch.
Sicht (zwei). Das ganze findet sich nicht in einer Küche, nicht in einem Restaurant. Es gibt keinen Esstisch, keine Stühle, keinen Verkauftresen. Stattdessen einen Ausstellungsraum für Kunst, eine Gruppenausstellung zum Thema ›eatart‹. Ein(ige) Betrachter.
Sicht (drei). Keine Teller, keine Messer, keine Gabeln, keine Servietten. Die Reibekuchen sind kalt. Es geht nicht ums Essen, nicht darum, dass der Besucher eingeladen wird, mit zu essen. Ein Bild.
Die "Reibekuchenwand" von Judith Samen changiert zwischen Bühne und Bild. Sie ist eine Bühne insofern, als sie deutlich alle voraus liegenden Handlung erkennen lässt. Jemand hat hier gekocht – eben gut 700 Reibekuchen – und hat diese Reibekuchen an die Wand hinter der Kochstelle genagelt. Aber weder der Koch ist zu sehen, noch eine fotografische Dokumentation seiner Aktion. "Reibekuchenwand: P.O.P II / Performance ohne Publikum" nennt Samen ihre Installation. Dadurch dass der Tisch mit der Kochplatte vor der Wand mit den Reibekuchen stehen bleibt, lädt sich der Zwischenraum als ehemaliger und potentieller Handlungsraum auf. Obwohl keine Materialien zur weiteren Produktion von noch mehr Reibekuchen auf dem Tisch liegen, wird der Betrachter in eine produktive Unsicherheit zwischen wahrnehmen und handeln versetzt. Soll er den (Bühnen)Raum zwischen Tisch und Wand betreten? In dieser Hinsicht rückt die "Reibekuchenwand" erstaunlich nah an Werke partizipatorischer Kunst heran, verzichtet aber bewusst auf die Involvierung des Betrachters als handelnde Person. Samen bietet eine potentielle Rolle an, aber der Stecker ist gezogen, die Kochplatte ist ohne Strom. Die Radikalität der Bildhaftigkeit der "Reibekuchenwand" wird eben dadurch weiter gesteigert.
Ohne die Aktion und ohne die handelnde Person steht der Betrachter vor einem Bild. Einem Bild allerdings, dass dennoch nicht statisch ist, denn einerseits sind die voraus liegenden Handlungen dem Bild unübersehbar eingeschrieben und andererseits verändert sich das Bild im Laufe der Zeit. Das jedenfalls versprach ein Fax von Judith Samen, als sie im Jahr 2000 die "Reibekuchenwand" erstmals als ihren Beitrag für die Gruppenausstellung "Bleibe" in der Berliner Akademie der Künste vorschlug: "Noch als Info: ich hab‘ den Reibekuchentest gemacht: die Reibekuchen können wahrscheinlich nicht länger als eine Woche an ihrem zugeteilten Wandplatz verbleiben. Sie wölben sich auf höchst merkwürdige Weise von der Wand weg, schrumpfen, und sondern dazu pro Reibekuchen mindestens fünf Tropfen Fett ab. FAZIT: Nach ca. 1 Woche sieht das Bild völlig anders aus! Könntet ihr diese Überlegungen in die Ausstellungskonzeption mit einbeziehen?"
Der Moment faktischer oder potentieller Veränderbarkeit in der Zeit ist für beinahe alle Arbeiten von Judith Samen charakteristisch. Dies gilt für ihre Videos und performativen Installationen in zugespitzter Weise, lässt sich aber genauso auch in ihren skulpturalen und fotografischen Arbeiten finden. Die inszenierten Fotografien zeigen in der Regel eine Einzelperson (selten mehrere Figuren), zumeist in einem häuslichen Kontext und – sehr häufig – mit Essbarem. Eine alte Frau hält mit verklärtem Blick einen Rettich in den Händen, der kleine Junge sitzt mit angezogenen Knien auf einem Tisch und in die obere linke Bildecke hängt ein nacktes Huhn herein, die barbusige Alte findet sich hinter einem Haufen Pommes wieder. Die Bilder sind merkwürdige Hybride zwischen einer ganz klassischen Bildtradition der Portrait-, Stillleben- oder Interieurmalerei. Allerdings treibt Judith Samen die Inszenierung auf die Spitze, lässt ihre ‚Modelle’ zu Schauspielern, die Dinge zu Requisiten, die Bildräume zu möglichen Bühnen werden. Diese Bühnen aber sind Bühnen des Alltäglichen, die einerseits durchaus vertraut wirken und andererseits dem Absurden genügend Raum geben. "Das Ganze versuche ich meistens so zu arrangieren, dass es nicht nur wie Kunst aussieht, sondern auch noch etwas Lebensnahes hat: ein bisschen Tragik, ein bisschen Komik." Gewesen, Sein, Werden: Genau diese präzise inszenierte Zwischenlage zwischen Tragik und Komik findet sich in beinahe allen Arbeiten von Samen und markiert ihre Eigenart. Irgendwie wirkt die "Reibekuchenwand" eben auch wie der Versuch, eine mittlerweile ja durchaus wieder hippe, leicht psychodelische Tapete der 1970er Jahre zu bauen – Form und Farbe jedenfalls erinnern daran. Die Tatsache mehr als 700 Reibekuchen an die Wand zu nageln, trägt dabei einen Grad an humoriger Absurdität in sich, von dem der Betrachter vor dem Bild nicht absehen kann. Andererseits scheitert der Versuch, die Reibekuchen zu verewigen tragisch, weil sie sich ja von der Wand wölben ... Die radikal alltägliche Wirklichkeit von Tisch, Kochplatte und Reibekuchen wird von Judith Samen in eine Wirklichkeit des Bildes überführt. Dieses Bild – so einfach es ist – lässt sich nie restlos zusammen setzen und pflanzt sich gerade deshalb in die Erinnerung ein.